Causa EC – Viele Gespräche wenig Einsicht

Wir alle haben in den letzten Tagen den wütenden Mob mitbekommen, der teils sachlich aber viel zu oft sehr unsachlich den NDR und deren Vorauswahl kritisierte. Auch ich finde die Auswahl von „Germany 12 Points“ zu einseitig. Wie ich bereits in meinem Beitrag zur Pressekonferenz beschrieben habe: Alle Beiträge an sich sind super, aber in der Konstellation ist es eben recht eintönig. Natürlich kann man sagen: Felicia Lu ist mit Dark-Pop unterwegs. „I swear to god“ ist eine Gitarren-Pop-Nummer, Malik hat seinen Popsong mit Hiphop-Elementen erweitert, Team Liebe sticht mit deutschsprachigem Pop aus der Masse heraus. „Alive“ hat durch die Oho-Zeile einen Pophymnen-Charakter und Emily kommt mit gut gemachtem, internationalklingendem Teenie-Pop daher, dessen amerikanischen Einflüsse sich nicht leugnen lassen. Natürlich sind das sechs völlig unterschiedliche Beiträge, die sich nicht miteinander vergleichen lassen, aber die eine entscheidende Gemeinsamkeit ist nicht wegzudiskutieren: Pop! Alle Lieder sind und bleiben Popsongs. Und genau dort setzt die (konstruktive) Kritik an. Musikalische Diversität sieht anders aus.

50 Shades of Pop

Popmusik ist zwar das Genre, das die meisten Fans hinter sich versammeln kann, keine Frage, aber dennoch bildet es nicht den hiesigen Musikmarkt ab und schon gar nicht unsere Charts. Werfen wir doch mal einen Blick in die selbigen und betrachten einmal, welche deutschen Acts (Stand: 18.02.2022) dort aktuell gut platziert sind:

Bereits auf Platz zwei haben wir „Onlyfans“ von Katja Krasavice, die keine unbekannte im Charthimmel ist. Zwar handelt es sich hierbei auch um Pop, aber aufgrund der Elektroelemente hebt sich „Onlyfans“ deutlich vom Teilnehmerfeld ab. Auch ihr Erscheinungsbild und ihr Image bedienen dann doch eine völlig andere Zielgruppe.

Katja Krasavice (CD-Cover “Pussy Power)

 

Auf dem vierten Platz haben wir dann 1986zig, der mit „Kopf aus“ deutschsprachigen Sprechgesang präsentiert. Seine Musik erinnert ein wenig an Casper. Durch die raue Stimme des Sängers und der provokativeren Attitüde spricht dieser ebenfalls ein ganz andres Publikum an, als Malik. Gleiches gilt für Sido, der sich mit „Mit Dir“ auf Platz 9 befindet.

Auf Platz 27 haben wir mit „Der letzte Song (Alles wird gut)” von Kummer einen gesellschaftskritischen Song, der musikalisch an Kraftklub erinnert.

Reichweite ist mehr als eine Chartplatzierung

Wenn man aber jetzt nicht unbedingt die Charts als Kriterium heranziehen möchte, kann man Namen wie Kerstin Ott, Helene Fischer und Andrea Berg nicht aus der Musiklandschaft streichen. Schlager ist und bleibt ein Genre, das in Deutschland mehr Fans hat, als man vielleicht denkt. Ina Müller tourt durch das ganze Land und füllt die größten Hallen. Ich höre keinen dieser Musikerinnen im Radio. Warum? Weil ich Popwellen höre und genau diese haben alleinige Entscheidungshoheit gehabt. Das ist der Fehler.

Ich möchte keinen der hier genannten Künstler:innen bewerten, aber sie alle stehen für die deutsche Musikwelt.

EC beim ESC Auswahlverfahren (Quelle: Eurovision.de)

Vielfalt statt Namen

Dass eine Helene Fischer nicht freiwillig zum ESC geht, da sie dort nur verlieren kann, ist klar, aber hier geht es nicht um Namen, sondern um Genre.

So argumentierten auch die Initiator:innen der EC-Petition. Diese kamen neben Gregor Friedel (SWR3 / VE-Jurymitglied) im NDR Podcast ESC-Update zu Wort. Ich bin von beiden Seiten enttäuscht, denn obwohl Marcel Stober und Thomas Mohr wirklich alles gaben, um die jeweils andere Sicht zu verdeutlichen, blieben beide Parteien uneinsichtig.

Quelle: Eurovision.de

Die EC Befürworter:innen spielen den Hass, der durchs Netz fegte runter und tun so, als sei alles super konstruktiv gewesen. Sie bringen zum Ausdruck, dass es ausschließlich um Vielfalt beim Vorentscheid gehe. Das erlebe ich anders! Bedrohungen, Beleidigungen und Meinung ohne Austausch schlugen Fans entgegen, die sich positiv über die sechs Teilnehmer:innen äußerten. Selbstverständlich ist das nur ein Bruchteil derer, die ihren Unmut kundtun, aber sie zu verschwiegen ist genauso falsch, wie die Kritiker zu ignorieren. Auch scheint es nur wenigen um die Vielfalt zu gehen. Die meisten werden laut, weil sie genau diesee eine Band im VE sehen wollen.

Aber auch die Radioseite war mehr als enttäuschend! Diversität in einer Musikshow über Geschlecht und Hautfarbe zu definieren. Sorry, da kam mir kurz ein wenig Kotze hoch. Auch wenn ich diesen Aspekt der Diversität begrüße, da selbstverständlich auch Menschen unterschiedlichster Hautfarben Teil dieses Landes sind, bedarf das doch keiner Erwähnung. Malik sollte wegen seiner musikalischen Fähigkeiten ausgewählt werden, nicht aber weil seine Vorfahren irgendwann mal in einem anderen Land geboren wurden. Eine Felicia Lu oder Emily Roberts, weil sie tolle Sängerinnen sind und nicht, weil sie Frauen sind. Die Arroganz in seinen Antworten war schon echt befremdlich. Dabei möchte ich ihm nicht unterstellen, dass er auch wirklich ein unangenehmer Mensch ist, ich kenne ihn ja nicht einmal, aber es zeigt, dass sich die Radiostationen im Recht sehen und ihre Macht und Reichweite deutlich überschätzen. Wenn die Popwellen die Player schlechthin sind, wie kommt es dann zu den besagten ausverkauften Hallen? Beide Seiten sind uneinsichtig, so wird ein Vorankommen schwierig. Schade!

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4 Antworten auf „Causa EC – Viele Gespräche wenig Einsicht“

  1. Also ganz verstehe ich dein Fazit nicht? Natürlich ist Hass und Hetze enorm schädlich für alle, aber entweder sehe ich vieles nicht als Hass und Hetze, oder ich bin in der falschen Bubble unterwegs.

    Bis jetzt habe ich nur ein paar persönliche Angriffe auf die 6 Künstler gelesen und da wurden sie von anderen verteidigt.

    Außerdem kann man Ilka und Dennis nicht vorwerfen, dass das jetzt solche gigantische Ausmaße angenommen hat und sie nicht auf allen Plattformen unterwegs sein können. Der Frust ist groß, hat sich schon seit Jahren angestaut und jetzt explodiert eben alles.

    Aber selbst wenn sich Ilka und Dennis für die Idioten entschuldigen und selbst wenn alle Idioten aufhören würden eklige Kommentare zu schreiben ist das trotzdem kein zugehen auf den NDR. Du vergleichst hier Äpfel mit Birnen.

    Man hat oft genug betont, dass man nicht nur EC dabei haben möchte, sondern auch andere Acts aus anderen Genres. Es wird doch schon auf den NDR zugegangen und versucht irgendeine Lösung zu finden, aber wenn nur die Antwort kommt.”Wir haben entschieden und nun hört auf zu heulen”, tja, dann muss ich sich nicht wundern, wenn bei manchen aus Hilflosigkeit und Frust Hass wird.

    1. Danke für die Rückmeldung. Den beiden möchte ich das auch auf keinen Fall vorwerfen! Sie sind sehr sympathisch und ihre Beweggründe verstehe ich zu gut. Aber diese Angriffe so von sich zu schieben, geht in Anbetracht ihrer nun erzeugten Reichweite/Bedeutung auch nicht. Sie sind jetzt halt das Sprachrohr dieser Bewegung und daher müssen sie sich da klarer zu äußern. ABER man darf nicht vergessen: Es sind keine Medienmenschen. Sie wurden ja selbst überrannt von dieser Reaktion. Daher möchte ich das wirklich nicht als Vorwurf verstanden haben. Und ich glaube auch, dass insbesondere den beiden die Genrevielfalt am Herzen liegt. Aber den aller meisten Unterzeichnern geht es eben nicht um diese Vielfalt, sondern alleine um EC. ESC Fans (die zum Teil auch EC mögen), wollen die Vielfalt und die langfristige Veränderung, aber diese Fans sind ja auch in einem freundlichen, sachlichen Austausch miteinander, so wie eben Ilka und Dennis, aber das penetrante und zum Teil auch bösartige Gepöbel zielt nicht auf Vielfalt ab. Das wird von deren Seite vorgeschoben. Würde man nun noch eine Schlagersängerin und einen Gangster-Rapper nachnominieren, würden diese Leute trotzdem weiter pöbeln, bis EC im Rennen wären. Deinen Einwand mit dem “zugehen auf den NDR” verstehe ich leider nicht ganz. Was meinst du damit?

      1. Wie gesagt, entweder habe ich eine andere Definition von Hass, oder ich bewege mich in der falschen Bubble. Das Einige übers Ziel hinausschießen will ich gar nicht abstreiten, aber das der Großteil destruktiv ist, kann ich nicht glauben. Auch nicht, dass es bei den über 116k der Großteil nur EC sehen will. Ich behaupte mal, wäre die Auswahl diverser gewesen und EC trotzdem nicht dabei, hätte es auch nen Shitstorm gegeben, aber viel kleiner und wahrscheinlich wäre er bis auf 10-20 Hardcorefans auch schon vorbei. (Ich wäre jedenfalls nicht mehr mit von der Partie, weil es mir echt nur ums Prinzip geht. Klar, ich hätte vielleicht auch in 2-3 Tweets meinen Unmut kund getan, aber dann wäre es auch gewesen.) Man muss dem NDR mit seinem Verhalten (Posts löschen, alles ignorieren, irgendwelche halbseichten Antworten geben) auch eine gewisse Mitschuld geben. Aber meiner Ansicht nach ist das eine vollkommen andere Thematik, als das eigentliche Problem. Nicht weniger wichtig, aber trotzdem anders. Das Hauptproblem ist, wie bekommen wir die aktuelle Auswahl diverser, aber der NDR blockt einfach alles kategorisch ab und gibt sich wenig verhandlungsbereit und es gab schon mehrere Vorschläge.

        1. Hass schlug denen entgegen, die sich kritisch über EC äußerten. Sicherlich auch nicht allen, aber ein paar Beispiele: Eine ESC-Podcasterin kritisierte den Namen, woraufhin sie in DMs rassistisch und sexistisch beleidigt wurde. Ein Freund wurde auf Twitter so oft gemeldet, dass sein Profil vorrübergehend gesperrt wurde und ich wurde als “dummer Wi…” beleidigt, der “linientreu” dem NDR folge. Das war jetzt nur ein Auszug aus meinem direkten Umfeld. Aber auch Sätze wie “F*ck dich, deine Sch(…) will keiner hören” unter Interviews der Acts sind ebenso ekelhaft. Der größte Teil ist nicht so, das sage ich ja auch, aber ein großer Teil (nicht die Mehrheit) vergriff sich im Ton. Und deine Selbsteinschätzung bestätigt ja mein Bild: Diejenigen, die in einen konstruktiven Austausch gehen, sind eben nicht diese Idioten. Du willst, so meine Wahrnehmung, eine Veränderung des Gesamtkonzepts und das finde ich mehr als wünschenswert. Ich persönlich sehe das nahezu genau so, möchte nur meinen Unmut über den NDR nicht in Verbindung mit EC bringen, da diese Band mir recht egal ist (ogleich ich ihre Teilnahme spannend gefunden hätte). Auch deine Aussagen bezüglich der Reaktion des NDR teile ich, daher sagte ich ja “Das ist genauso falsch wie das Ignorieren der Kritiker”. Die jetzige Auswahl wird sich nicht mehr ändern, was ich insofern auch OK finde, als dass es eben die diesjährigen Spielregeln waren, deren Resultat ok, aber eben nicht zufriedenstellend war. Wichtiger ist es in meinen Augen, diese Fehler (die der NDR nun schon viele Jahre macht) nicht weiterhin zu begehen. 2023 muss zwingend besser, diverser, transparenter und interessanter werden. Aber was ich Frau Wolfslast zugutehalten möchte, sie hat den Job erst übernommen und probierte sich aus. Einiges war gut, anders lediglich gut gemeint. Verhärtete Fronten werden das jedoch nicht herbeiführen. Unsere Diskussion ist vielschichtiger, als es eine Kommentarspalte in einem Fanblog erlaubt, aber ich hoffe, ich habe keine Ebene deines Kommentars außer Acht gelassen.

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